Mittelalterliche Unterwäsche

Neben der oben erwähnten Einhandflöte konnten auch zahlreiche Reste von mittelalterlichen Textilien und gut erhaltene Schuhe aus der Gewölbezwickelfüllung geborgen werden.
Insgesamt besteht der Fund aus über 2.700 einzelnen Stoff-Fragmenten. Eine erste Durchsicht des Materials ergab eine Fülle unterschiedlicher Textilformen, darunter eine Reihe fast vollständig erhaltener Kleidungsstücke sowie Fragmente leinener Innenfutter mit spärlichen Resten der ehemaligen Wollkleider, außerdem Fragmente mehrerer Leinenhemden mit starker Fältelung an Kragen und Ärmel mit erhaltenen Textilknöpfen und zugehörigen Knopflöchern, deren Größe nahelegen, dass sie Bestandteil weiblicher Kleidung waren oder gar von Kindern getragen wurden. Auch Männerkleidung wurde gefunden: „Eine vollständig erhaltene leinene Unterhose, das Fragment einer zweiten und ein Textilfragment aus roter und blauer Wolle, das sich als Hosenlatz herausstellte, wurden von Männern getragen“, erklärt Beatrix Nutz.

„Insgesamt wurden vier Textilien aus Leinen gefunden, die modernen BHs ähneln. „Zwei stärker fragmentierte Exemplare scheinen eine Kombination aus einem BH und einem kurzen Hemd zu sein. Sie enden direkt unter der Brust, haben aber zusätzliche Stoffteile oberhalb der Körbchen zum Verdecken des Dekolletés und keine Ärmel“, erklärt Beatrix Nutz. Die beiden weiteren gefundenen „BHs“ ähneln modernen BHs noch stärker: „Der dritte ‚BH’ sieht mit zwei breiten Trägern und einem nicht erhaltenen Rückenteil modernen BHs viel ähnlicher. Dieser ist auch der am aufwändigsten dekorierte“, sagt die Archäologin. Der vierte „BH“ ähnelt einem modernen Büstenhalter am meisten. „Er ist eine Kombination aus einem BH und einem Mieder und kann am ehesten mit einem modernen Longline-BH verglichen werden.“
Eine eigens durchgeführte Kohlenstoff-14-Datierung an Faserproben zweier BHs haben die Datierung der Stücke ins 15. Jahrhundert bestätigt. Bisher gab es keine Beweise für die Existenz von BHs mit deutlich sichtbaren Körbchen vor dem 19. Jahrhundert. „Mittelalterliche schriftliche Quellen äußern sich eher vage über das Thema, manchmal werden ‚Taschen für die Brüste’ oder ‚Hemden mit Säcken’ erwähnt“, erklärt Beatrix Nutz. „Andere Quellen erwähnen nur Brustbänder, um übergroße Brüste an den Körper zu binden.“ Als „Erfinder“ des Büstenhalters gelten heute unter anderem Herminie Cadolle im späten 18. Jahrhundert, und Mary Phelps Jacob, die 1914 ein US-Patent erhielt. „Mit Ausnahme des ‚Longline-BHs’ mit einer eher kleinen Körbchengröße weisen die drei anderen gefundenen ‚BHs’ sehr große Körbchen auf, was zur Aussage mancher Schriftquellen über ‚Säcke’ in Kleidern und Hemden passt“, sagt die Archäologin. Als gesichert gilt: Der Fund ist bislang einzigartig und liefert eine wichtige Ergänzung zur Textilgeschichte.“ [1]

Anmerkungen:
[1] übernommen von http://www.uibk.ac.at/ipoint/news/2012/buestenhalter-aus-dem-mittelalter.html.de, 06.01.2015

Neuigkeiten aus der Forschung:

Rekonstruktion der Tuttenseck (BHs) aus dem 15. Jh. von Schloss Lengberg in Osttirol

Zwischen 21. und 29. April 2015 wird Frau Rachel Case aus Maine, USA, am Institut für Archäologien der Universität Innsbruck zusammen mit Frau Beatrix Nutz die Textilfunde aus Schloss Lengberg, vornehmlich die BHs und das Mieder, studieren und basierend auf diesen Studien eine detailgetreue Rekonstruktion der Kleidungsstücke in Angriff nehmen. Die Ergebnisse der Untersuchung sowie die gewonnenen Erkenntnisse aus den Rekonstruktionen werden dann in einer gemeinsamen Arbeit publiziert.

Um die Umsetzung dieses Projektes zu finanzieren hat Frau Case bei der Society of Antiquaries in London um den Janet Arnold Award angesucht und diesen auch erhalten.
Dieses Stipendium wird für die Erforschung der Geschichte der westlichen Mode verliehen.

Janet Arnold (1932-1998) war Künstlerin, Lehrerin und Modedesignerin. Ihre praktischen Fähigkeiten, zusammen mit ihrer Leidenschaft für die Detailgenauigkeit, machten sie zu einer mächtigen Fürsprecherin für das Studium der Bekleidungsgeschichte als ernsthafte Disziplin. Die Verwendung von Archivmaterial sowie visuellen und literarischen Aufzeichnungen sind wichtig, aber wie sie in ihrer eigenen Arbeit zeigte, ein echtes Verständnis der historischen Bekleidung hängt von der genauen Untersuchung und dem Verständnis der vollständig sowie fragmentarisch erhaltenen Kleidungsstücke ab.